Bare - Die Künstlerwerkstatt e.V.

„Bare“ in Deutschland?

Als ich vor über einem halben Jahr auf Facebook auf die Deutschlandpremiere dieses Musicals von „Die Künstlerwerkstatt e.V.“ hingewiesen wurde, war für mich schnell klar: Egal wann und egal wo – Du musst dahin.

Die tragische Liebesgeschichte von Jason und Peter, der soziale, familiäre und religiöse Konventionen entgegenstehen, begleitet mich seit dem Teenageralter und viele Lieder haben wesentliche Momente meines Erwachsenwerdens geprägt und mich ein Stück weit dabei unterstützt. Deshalb musste ich diese Chance unbedingt nutzen.

Vorsichtig fragte ich also bei Dennis Schmidl vom Musical-Kompass an, ob er denn vorhabe, eventuell dorthin, nach Stegaurach, zu fahren, ich würde dann auch einen Bericht schreiben oder so... Und gesagt – getan, ein halbes Jahr später kommen wir von einem gelungenen Roadtrip wieder und nun soll der versprochene Bericht folgen:


Bei all meiner Liebe zu Bare kann ich natürlich nicht vorgaukeln, dass ich die Aufführung mit einem objektiven Blick betrachtet hätte. Jahrelang habe ich immer wieder nach neuen, besseren Versionen bei YouTube gesucht (und bin damit nicht allein gewesen, wie ein Blick ins Programmheft der Künstlerwerkstatt verrät) und auch die Deklaration der Deutschlandpremiere weckten eine gewisse Erwartungshaltung. Aber diese wurde  – mit der Prämisse, dass es sich bei „Die Künstlerwerkstatt e.V.“ um eine Laien-Musicalgruppe handelt, woraus sie auch im Vorfeld bei der Werbung in den sozialen Medien nie ein Geheimnis gemacht haben – voll erfüllt. Den vielen Bare-Versionen aus dem englischsprachigen Raum, die sich über die Jahre hinweg auf YouTube angesammelt haben, steht die deutschsprachige Version in Stegaurach in nichts nach.

Das Bühnenbild, das größtenteils aus immer wieder neu angeordneten und umfunktionierten Holzbänken besteht, ist einfach, aber effektiv. Besonders einprägsam ist das riesige, illuminierte Kreuz, das die ganze Zeit über Publikum und Vorbühne schwebt.

Die Liebe des Vereins zum Stück ist immer spürbar. Wie bei jeder Laiengruppe sitzt manchmal der ein oder andere Ton nicht ganz da, wo er sein soll, es gibt kleinere technische Patzer, vielleicht wünscht man sich auch manchmal ein bisschen mehr Ausdruck.

Aber nie hat man das Gefühl, dass der Darsteller oder die Darstellerin dort auf der Bühne gerade nicht voll in seiner/ihrer Rolle aufgeht. Und dieser Eindruck zieht sich von den großen Hauptrollen hin bis zu den kleineren Ensembleparts. Man merkt: Die DarstellerInnen stehen voll hinter dem, was sie tun.

Die Liebe von Jason und Peter wirkt nie gekünstelt: Man nimmt Marcus Grau und Georg Graefe das ganze Stück hindurch ab, dass sie unwiderruflich verliebt ineinander sind. Besonders deutlich wird das in ihren leidenschaftlichen Liebesszenen.





Auch Ivy (Pia Kaufmann), das It-Girl der Schule, das sich unglücklich in Jason verliebt, Matt (Martin Kaufmann), der wiederum in Ivy verliebt ist, und der restliche Teil der Schülerclique fallen nie aus ihren Rollen. Hier fällt besonders auf, mit wie viel Liebe zum Detail diese Rollen erarbeitet wurden. Es lohnt sich, den Blick zwischendurch weg von den Hauptrollen und hin zu den „Nebencharakteren“ schweifen zu lassen, um zu entdecken, wie viel dort auf der Bühne noch passiert. Daher hat es mir auch sehr gefallen, dass im Laufe des Stücks und auch in der Zugabe am Ende jeder und jede Darstellerin ein kleineres oder größeres Solo zum Besten geben durfte. So wurde wirklich eindrucksvoll gezeigt, wie viel Talent „Die Künstlerwerkstatt e.V.“ beherbergt.

Philipp Spittel, der den wenig verständnisvollen Priester mimt, erklärt nach dem Stück, wie schwierig es ist, eine Rolle zu spielen, die so gegensätzlich zum eigenen Charakter steht. Und doch wirkt auch diese Darstellung gelungen beklemmend, ebenso wie die von Peters zwischen Liebe und Enttäuschung über ihren Sohn hin- und hergerissenen Mutter Claire (Cornelia Böhmer).

Zwei Darstellerinnen stechen in ihren Performances allerdings besonders heraus: Katharina Stamp als Jasons Zwillingsschwester Nadia und Cristina Szlopp als Sister Chantelle rocken die Bühne und sorgen energiegeladen für das ein oder andere Comic Relief – Element, wenn die Stimmung auf der Bühne gerade etwas sinkt.

Nichtsdestotrotz wirken besonders die Stücke, in denen das gesamte Ensemble auf der Bühne steht, im Publikum am meisten. Dies liegt insbesondere an den Choreographien, bei denen das Zuschauen einfach Spaß macht. Dabei ist mir vor allem der Teil in Erinnerung geblieben, in dem gezeigt wird, wie die Jugendlichen einen feuchtfröhlichen Abend auf einem Rave verbringen. Dieser Part wurde von der Künstlerwerkstatt fast ganz durchchoreographiert, was ich in dieser Form vorher noch nie gesehen hatte und wirklich beeindruckend fand.

Der Pop/Rock-lastige Score wird von einer talentierten Liveband gespielt, die das gelungene Musicalerlebnis komplett macht.


Natürlich gibt es den ein oder anderen Kritikpunkt, den man nach einem Besuch des Musicals anbringen könnten. Bisweilen wirkt die Handlung etwas plump, bedient Klischees und wirkt manchmal einer Teenie-Soap entsprungen.

Auch die deutsche Übersetzung klingt – wie es mit deutschen Übersetzungen nun mal so ist –  zwischendurch etwas sperrig (nennenswerte Ausnahmen sind dabei „'Ne ruhige Nacht daheim“ und „Mädchen im Portrait“).

Aber das sind Punkte, die man schwerlich dem aufführenden Verein vorwerfen kann.


Meiner Meinung nach hat „Die Künstlerwerkstatt e.V.“ das Beste aus dem Stück herausgeholt und ich bin froh und dankbar, dass ich die Deutschlandpremiere von „Bare“ dort miterleben durfte.

Ich empfehle jeder und jedem, sich unbedingt dieses Stück anzusehen.

Für den 19./21./26. und 27.10. gibt es noch Karten.


Daniela Burggraf für Musical-Kompass

BARE_Plakat-web

Show vom 13.10.2018

in Stegaurach (Bayern/Franken)

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